{"id":3019,"date":"2022-08-31T21:27:20","date_gmt":"2022-08-31T21:27:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.press.eleworks.de\/?p=3019"},"modified":"2022-08-31T21:39:58","modified_gmt":"2022-08-31T21:39:58","slug":"glosse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/press.eleworks.de\/?p=3019","title":{"rendered":"Glosse"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<p style=\"font-size:22px\">Die Glosse (griech.&nbsp;<em>glossa&nbsp;<\/em>= Zunge, Sprache) nimmt Sachverhalte, Erscheinungen und Verhaltensweisen aufs Korn, die widerspr\u00fcchlich oder gar \u00fcberlebt sind. Daf\u00fcr werden die Mittel Humor, Ironie und Satire eingesetzt.<br \/>In knapper, pointierter Weise werden die Sachverhalte bewertet. Das hei\u00dft, nach der Nennung des Tatbestandes folgt schon die Pointe.<br \/>Durch Zuspitzung und \u00fcberraschende Aufdeckung eines Widerspruchs sollen \u2013 oft auf verschmitzte Weise \u2013 Denkanst\u00f6\u00dfe gegeben werden.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>In den&nbsp;Medien, aber auch in der Schule lassen sich Glossen gut anbringen. In Funk und Fernsehen sowie in den Zeitungen finden wir sie als kurze Reaktion auf aktuelles&nbsp;<strong>Tagesgeschehen<\/strong>. In der Schule kann man sie z. B. nutzen, um auf humorvolle Weise auf bestimmte Verhaltensweisen aufmerksam zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Glosse selbst hat viele&nbsp;Erscheinungsformen.<br \/>Sprachglossen&nbsp;kritisieren Sprachvergehen und schlechte Sprachgewohnheiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tatsachenglossen<\/strong>&nbsp;greifen authentische Sachverhalte (politische, soziale usw.) auf und glossieren sie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00dcberschriftenglossen<\/strong>&nbsp;haben die Besonderheit, dass die Pointe schon in der \u00dcberschrift zu finden ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zitatglossen<\/strong>&nbsp;haben Rede- und Textausz\u00fcge zur Grundlage.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"has-white-color has-text-color wp-block-heading\">Wie schreibt man eine Glosse?<\/h2>\n\n\n\n<p>Das&nbsp;Glossieren&nbsp;ist nicht die leichteste Sache, wie auch Humor und Satire nicht jedem mit in die Wiege gelegt wurden.<br \/>Zum einen muss man die&nbsp;Sprache&nbsp;gut beherrschen, sich in wenigen Worten trefflich ausdr\u00fccken k\u00f6nnen. Zum anderen muss gut \u00fcberlegt sein, welche Verhaltensweisen unsere Unterst\u00fctzung finden sollten und welche nicht, wo sich welche Widerspr\u00fcche auftun und ob und wie sie sich l\u00f6sen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich an eine Glosse wagen will, sammelt&nbsp;<strong>Ideen<\/strong>&nbsp;und&nbsp;<strong>Material zum Thema<\/strong>. Welche&nbsp;<strong>Denkanst\u00f6\u00dfe<\/strong>&nbsp;will ich geben, wie kann ich innerhalb eines kurzen Textes dazu hinf\u00fchren? Was sage ich wie indirekt? Manchen f\u00e4llt auch zuerst eine Pointe ein. Meist \u00e4ndert sich ihre Ausformulierung aber noch einmal, wenn man den Aufbau Schritt f\u00fcr Schritt \u00fcberdenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitunter f\u00fchrt erst ein konkreter&nbsp;<strong>Anlass<\/strong>&nbsp;dazu, dass aus einer Idee und der Materialsammlung wirklich etwas wird. Nicht selten ist eine mehrfache sprachliche \u00dcberarbeitung unabdingbar, um dahin zu kommen, dass alles bis zum Punkt stimmig ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"has-white-color has-text-color wp-block-heading\">Beispiel&nbsp;Tatsachenglosse:<\/h2>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<p>Kurt Tucholsky<br \/><strong><em>Der Kontrollierte<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Da ist die berliner Stra\u00dfenbahn . . . Aber es wird ja auf den anderen Bahnen nicht viel anders sein . . . Also da sitzen nun die Leute da und tr\u00e4umen und glotzen und unterhalten sich und manche lesen \u2013 \u2013. Auf einmal betritt ein uniformierter Mann den Wagen und sagt: \u201eDie Fahrscheine bitte!\u201c \u2013 Das ist ein Beamter, der haupts\u00e4chlich zur Kontrolle der Schaffner angestellt ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Pflichtschuldig w\u00fchlt alles in den Taschen. Alle reichen das St\u00fcckchen Papier dem Beamten hin. Nur einer hat seinen Fahrschein verloren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es ist doch ein Bedientenvolk, das deutsche. Denn nun sehen alle den Mann an, als ob er ein Verbrechen begangen habe. Denn sie bilden sich ein, der Beamte kontrolliere sie. Dabei ist der Beamte h\u00f6flich und tut eigentlich nichts, was diesen Aberglauben best\u00e4rken k\u00f6nnte. Aber sie denken sich das so und sind voller Ehrfurcht und verabscheuen alle den Mann, der seinen Fahrschein verloren hat. Einen Augenblick hat er den ganzen Wagen gegen sich. Manche m\u00f6gen ja ein bi\u00dfchen teilnahmsvoll zusehen, wie er sich abm\u00fcht, und sie denken sich schaudernd in seine entsetzliche Lage . . .<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie ducken sich. Sie bekommen einen roten Kopf. Der Verlierer einen dunkelroten. Er entschuldigt sich. Er sagt nicht: \u201eIch hab ihn verlegt, ich werde meinethalben nachbezahlen . . . \u201c Er f\u00fchlt sich ertappt. Man sollte nicht denken, einen Erwachsenen vor sich zu haben, der vielleicht eine Frau hat, Kinder, die er erziehen soll, Angestellte, die er anschnauzt . . . Hier ist er ganz klein. Denn hier ist das Heiligste an einen Deutschen herangetreten: die Uniform. Und da h\u00f6rt der Spa\u00df auf.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine Kleinigkeit, eine Belanglosigkeit, gewi\u00df. Aber doch wieder eine einfache Beobachtung des t\u00e4glichen Lebens, die zeigt, wie hier der einzelne gar nicht erst wagt, zu sagen: \u00bbHallo! Hier bin ich!\u00ab \u2013 Sondern er bekommt einen roten Kopf, duckt sich und sucht den Fahrschein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Und das ist eine Misere des deutschen Lebens.<\/em><br \/>(Tucholsky, Kurt: Der Kontrollierte. In: Vorw\u00e4rts, 18.09.1913)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erkl\u00e4rung<\/strong><br \/>Das duckm\u00e4userische Verhalten der hoheitsgl\u00e4ubigen deutschen Staatsb\u00fcrger vor dem Ersten Weltkrieg wurde hier glossiert und dabei auch der Widerspruch zwischen dem sch\u00f6nen Schein und dem tats\u00e4chlichen Sein aufs Korn genommen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"has-white-color has-text-color wp-block-heading\"><strong>Beispiel<\/strong>&nbsp;Sprachglosse:<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Karl Kraus<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00c4hnlichkeit<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein analytischer Schmock, einer von jenen, die jetzt aus allen Spalten grinsen, berichtet in der \u201eFrankfurter Zeitung\u201c \u00fcber eine Plauderei, die der bekannte Erotiker Franz Blei in Berlin abgehalten und bei der er Fragen aus dem Auditorium kulant beantwortet hat.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWie er in schlichten, nichteifernden Worten sein Bekenntnis gab, konnte man in den ausdrucksvollen Z\u00fcgen das feine Theologengesicht entdecken, das Max Oppenheimer malte. Verbl\u00fcffend ist in solchen Momenten auch eine gewisse \u00c4hnlichkeit Bleis zu dem in mancher Hinsicht geistesverwandten Karl Kraus; nur da\u00df der Wiener Kaffeehaustheologe ein so strenger Stilk\u00fcnstler ist, da\u00df er nur vorlesen kann und sich zu solchen Stegreifexperimenten nicht hergibt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Was die Kaffeehaustheologie anlangt, so k\u00f6nnte man mit Recht jeden Pfarrer einen Kaffeehaustheologen nennen, der keine K\u00f6chin hat und deshalb im Kaffeehaus den Kaffee nehmen mu\u00df. Was die Geistesverwandtschaft mit Herrn Blei anlangt, so ist sie insofern ersichtlich, als Herr Blei meine Aphorismen mit Interesse gelesen hat. Da ich mich aber f\u00fcr Bilderhandel nicht interessiere, so d\u00fcrfte die \u00c4hnlichkeit doch wieder nur sehr oberfl\u00e4chlich sein und h\u00f6chstens eine \u201ezu\u201c mir, aber nicht mit mir. Alles in allem, vermute ich, wird das Gesicht des Herrn Blei meinem Gesicht so verbl\u00fcffend \u00e4hnlich sein, wie ein Portr\u00e4t des Herrn Oppenheimer einem Portr\u00e4t von Kokoschka.<\/em><br \/>(Kraus, Karl: \u00c4hnlichkeit. In: Die Fackel, Nr. 381\/382\/383, XV. Jahr. Wien, 19. September 1913)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Begriffserkl\u00e4rungen<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schmock<\/strong>: jiddisch: unangenehmer, rechthaberischer, belehrender, eitler oder arroganter Mensch, T\u00f6lpel<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Franz Blei (1871\u20131942):&nbsp;<\/strong>\u00f6sterreichischer Schriftsteller, schrieb u.a. Essays und Literaturkritiken. Er war u.a. auch Herausgeber erotischer Literatur des Barocks und philosophischer Essays \u00fcber Pornografie zwischen 1905 und 1911.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Max Oppenheimer (1885\u20131954):<\/strong>&nbsp;\u00f6sterreichischer Maler, um 1913 Anh\u00e4nger des Kubismus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oskar Kokoschka (1886\u20131980):<\/strong>&nbsp;\u00f6sterreichischer Maler und Grafiker des Expressionismus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kaffehaustheologie:&nbsp;<\/strong>Das von Karl Kraus in der Glosse zitierte Wiener Kaffeehaus hat eine lange Tradition. Mann kann sich bei einem Kaffee dort stundenlang aufhalten, Zeitung lesen oder schreiben. Deshalb war das Kaffeehaus lange Zeit Treffpunkt der Wiener Boh\u00e8me. Das Kaffehaus lieh der sogenannten Kaffeehausliteratur (Vertreter waren u.a. Peter Altenburg, Felix Salten, und Anton Kuh) ihren Namen. Darauf spielt der Artikel in der Frankfurter Zeitung, den Karl Kraus hier glossiert, offenbar an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl Kraus (1874\u20131936):<\/strong>&nbsp;\u00f6sterreichischer Schriftsteller und Sprachkritiker.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Begriffserkl\u00e4rungen<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schmock<\/strong>: jiddisch: unangenehmer, rechthaberischer, belehrender, eitler oder arroganter Mensch, T\u00f6lpel<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Franz Blei (1871\u20131942):&nbsp;<\/strong>\u00f6sterreichischer Schriftsteller, schrieb u.a. Essays und Literaturkritiken. Er war u.a. auch Herausgeber erotischer Literatur des Barocks und philosophischer Essays \u00fcber Pornografie zwischen 1905 und 1911.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Max Oppenheimer (1885\u20131954):<\/strong>&nbsp;\u00f6sterreichischer Maler, um 1913 Anh\u00e4nger des Kubismus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oskar Kokoschka (1886\u20131980):<\/strong>&nbsp;\u00f6sterreichischer Maler und Grafiker des Expressionismus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kaffehaustheologie:&nbsp;<\/strong>Das von Karl Kraus in der Glosse zitierte Wiener Kaffeehaus hat eine lange Tradition. Mann kann sich bei einem Kaffee dort stundenlang aufhalten, Zeitung lesen oder schreiben. Deshalb war das Kaffeehaus lange Zeit Treffpunkt der Wiener Boh\u00e8me. Das Kaffehaus lieh der sogenannten Kaffeehausliteratur (Vertreter waren u.a. Peter Altenburg, Felix Salten, und Anton Kuh) ihren Namen. Darauf spielt der Artikel in der Frankfurter Zeitung, den Karl Kraus hier glossiert, offenbar an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl Kraus (1874\u20131936):<\/strong>&nbsp;\u00f6sterreichischer Schriftsteller und Sprachkritiker.<\/p>\n<\/div><\/div>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Glosse (griech.\u00a0glossa\u00a0= Zunge, Sprache) nimmt Sachverhalte, Erscheinungen und Verhaltensweisen aufs Korn, die widerspr\u00fcchlich oder gar \u00fcberlebt sind. Daf\u00fcr werden die Mittel Humor, Ironie und Satire eingesetzt.<br \/>\nIn knapper, pointierter Weise werden die Sachverhalte bewertet. 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